Frau mit Brille von Lunor

Green-Building, Open-Space-Office, Clean-Desk,… diese Buzzwords für den Arbeitsalltag der Zukunft passen ziemlich gut zu einer jungen Werbeagentur in Hamburg. Aber ausgerechnet im tiefen Schwarzwald, dort, wo man vielleicht eine gewisse Rückständigkeit erwarten würde, lebt die Brillenmanufaktur Lunor die Firma der Zukunft. Und das ganz bewusst.

Vermutlich haben Sie noch nie etwas von Bad Liebenzell gehört. Bad Liebenzell ist ein herrlicher Kurort im Nordschwarzwald. Im Café nebst der Flaniermeile genießen einige Rentner ihre Schwarzwälderkirschtorte mit Milchkaffee. Verlässt man das Städtchen, muss sich das Auto einen Berg hinaufquälen, der selbst Reinhold Messner zum Schnaufen bringen würde. Die dicht gedrängten Tannen rechts und links der Straße lassen nur wenig Licht hindurch und blicken so mächtig auf den Verkehr darnieder, als sei ihnen die Straße inmitten ihres Territoriums nicht recht. Ein paar Fahrminuten später erreicht man ein ländliches Industriegebiet, das man locker von der Straße aus überblicken kann. Gegenüber erstreckt sich ein Naturschutzgebiet, ein grünes Plateau an dessen Rand sich wieder einige grummelige Schwarzwaldtannen aufgereiht haben. Genau hier ist er zu finden: der Lunor Firmensitz.

Das Gebäude ist eine futuristische, ja fast unpassende Erscheinung inmitten so viel Schwarzwaldkitschs, wo die Zeit manchmal stehen zu bleiben scheint. Aber das tut sie nicht, selbst hier nicht. Ganz im Gegenteil, die Zeit rannte Ulrich und Michael Fux, dem Vater-Sohn-Gespann an der Spitze der Lunor AG, nur so davon, vor allem ab dem Jahr 2014. Innerhalb von drei Jahren verdoppelten sich die Umsätze, die Firma platzte aus allen Nähten. „Die Ware, etliche Kartons, ja gefühlt sogar die Mitarbeiter stapelten sich angesichts unseres enormen Wachstums in den alten Räumlichkeiten.“ erinnert sich Michael Fux. „Da war klar: wir müssen umziehen und zwar in ein eigenes Gebäude, das wir ganz auf unsere Anforderungen und Bedürfnisse anpassen können.“ Ebenso klar war das Vorhaben, einen möglichst autarken, umweltverträglichen Firmensitz zu erschaffen. Ob das am langjährigen Engagement von Ulrich Fux für eine Umweltschutzorganisation oder den zur Rücksicht mahnenden Schwarzwaldtannen, lag? Sicher ist, dass in der einjährigen Planungsphase eine Menge Selbstreflexion und Hirnschmalz in das Vorhaben gesteckt werden musste.

Ausgangspunkt war der Status Quo und die Erkenntnis, was man ganz sicher im neuen Gebäude verändern möchte. Ein Beispiel: Die alten Räumlichkeiten befanden sich im ersten Stock eines Bürokomplexes. Das heißt, dass sämtliche Waren 12 Jahre lang nach oben und wieder nach unten befördert werden mussten. Das prägt! „Wir wollten nie wieder Kartons die Treppen hochschleppen müssen. So war die Idee geboren, ein komplett ebenerdiges Gebäude zu planen.“ Das Vorhaben von Michael Fux wurde Wirklichkeit. Auch ebenerdig ist das Lunorgebäude eine Erscheinung, die Eindruck hinterlässt. Zwischen vier und sechs Metern Höhe wird die unendliche Gläserfront von schwarzen Außenverkleidungen eingefasst. Es sollte kein Standard werden und davon ist das Gebäude auch weit entfernt. Die Offenheit und Transparenz des Firmensitzes spiegelt das Mindset der Unternehmer wider. „Sowas ist auch immer ein Prozess.“ erläutert Ulrich Fux und spielt auf die große Veränderung im Innenbereich an. „Anfangs waren innerhalb des Gebäudes ganz normale Büroräume angedacht. In der Planungsphase haben wir aber unsere Gewohnheiten und Abläufe analysiert. In einem Workshop mit unserem Innenausstatter Vitra haben wir dann nach und nach die Wände sinnbildlich wieder eingerissen und sind schlussendlich bei einem Open-Space-Konzept gelandet, ganz ohne Barrieren.“

Wer jetzt an ein hektisches und lautes Durcheinander denkt, liegt komplett daneben. Im Inneren herrscht Ruhe, die nur ab und zu durch ein Telefonklingeln unterbrochen wird. Das Wasser aus dem Bassin vor dem Gebäude spiegelt sich in Wellen an der Decke des Konferenzraumes, was unweigerlich an den letzten Sommerurlaub erinnert. Papierkörbe und Drucker sucht man zunächst vergeblich. Diese stehen an zentralen Orten, sodass die Schreibtische „clean“ und die Mitarbeiter fit bleiben. Überall finden sich kleine Rückzugsorte in Formen von Couches wieder. „Unsere Mitarbeiter können sich während der Arbeitszeit frei bewegen und es sich mit ihrem Laptop in einer der Nischen gemütlich machen.“ erklärt Ulrich Fux.

So modern und komfortabel das Gebäude sein mag – die wahre Stärke liegt wie so oft im Inneren (und auf dem Dach) verborgen. „Unser Ziel ist ein komplett autarkes Gebäude.“ so Ulrich Fux und Michael Fux ergänzt mit einem Schmunzeln: „weitgehend schaffen wir das heute schon – wenn die Technik mithält.“ Zu diesem Zweck wurde das komplette Dach mit Solarmodulen in östlicher und westlicher Ausrichtung ausgestattet, um eine möglichst gleichmäßige Aufnahme von Solarenergie über den Tag zu gewährleisten. Batterien speichern den so erzeugten Strom für maximal eine Nacht. Mit dieser Energie kann die komplette Firma versorgt werden, von den Computern bis hin zur Mikrowelle. Um das Büro im Winter zu heizen und im Sommer zu klimatisieren wurde eine Erdwärmebohrung durchgeführt. Die Temperierung des Gebäudes erfolgt dann über eine Betonkernaktivierung und eine Deckenklimatisierung. Damit das gute Klima drin und störende Geräusche draußen bleiben, sind die riesigen Fensterelemente dreifach verglast. Kein Wunder herrscht hier diese entschleunigende Ruhe. Wer Lunor einen Besuch abstattet, wird außerdem bemerken, dass hier die Zukunft heute schon stattfindet. Auf dem Parkplatz versammeln sich drei Elektroautos um eine Ladesäule und genießen ihren Kick erneuerbarer Energie. Auch dieses Angebot steht allen Lunor Mitarbeitern offen, denn diese, so ist sich Ulrich Fux sicher, werden bald schon mit immer mehr Elektroautos anfahren.

Fragt man Michael Fux nach seinem Lieblingsplatz im neuen Gebäude, nennt er ohne zu zögern die Kantine. Und das nicht etwa, weil er besonders gerne Pausen macht. Nein, vielmehr steckt eine kleine Rebellion gegen die Vorhaben des Architekten dahinter. Dessen ursprünglicher Plan war es, die Kantine optisch an das restliche Büro anzupassen. „Wir wollten aber einen separaten Raum, mit einem anderen Boden, einer anderen Atmosphäre. In der Pause sollen unsere Mitarbeiter nicht in ihrem Arbeitsumfeld bleiben sondern sich gedanklich frei machen können. Wir glauben, dass das einen viel höheren Erholungswert hat.“ Und Michael Fux sollte Recht behalten: Wer in die Kantine eintritt, hat das Gefühl im Wohnzimmer einer Großfamilie gelandet zu sein: auf dem Herd kocht die Versandmitarbeiterin gerade ihre Nudeln, am Sprudelwasserhahn füllt der Marketingleiter seine Wasserkaraffe nach und an der langen Tafel sitzt der Rest der Belegschaft und diskutiert über die Pasta des Lieblings-Lieferitalieners. An die Kantine schließt sich eine großzügige Terrasse, ausgerichtet zum Naturschutzgebiet, an. Wenn es ganz still ist, hört man hier das Plätschern des Wasserbassins, welches selbstverständlich auch nachhaltig aus der eigenen Zisterne versorgt wird.

Auch wenn Bad Liebenzell auf den ersten Blick etwas verschlafen wirken mag: bei Lunor hat man alte Verkrustungen aufgebrochen, ist gewappnet für die Zukunft und vielleicht unserer Zeit schon ein Stück voraus.